Wichtiges

Editorial: Warum ist uns das alles so egal?

Es steht eine Fabrik am Fluss,
die hat ein Abflussrohr,
Von dem nicht jeder wissen muss,
das kommt ja überall vor.
Der Fluss wird davon zwar nicht reiner,
Das macht doch nichts,
das merkt doch keiner.

(Hans Scheibner, 1979)

Liebe Nachbarn,

die tägliche Informationsflut macht gleichgültig. Es soll zwar Menschen geben, die im ständigen Alarm-Modus leben, aber die sind vermutlich eine kleine radikale Minderheit. Sich gegen permanente Beunruhigungen abzuschotten, ist wohl nur allzu menschlich. Und auf Grund unseres Unvermögens, uns ein gänzlich anderes Morgen als unser heutiges Leben vorstellen zu können, unternehmen wir auch nichts. Die Daseinsfürsorge für die Gesellschaft, von der wir ein Teil sind, überlassen wir unseren ›Fachleuten‹. Immer wieder rauschen zwar Wellen der Empörung über dieses oder jenes Verhalten der ›Verantwortlichen‹ durch die sogenannte öffentliche Meinung, sie ebben aber ebenso schnell wieder ab, wie sie entstanden. Können Sie sich noch an den Fipronil-Skandal erinnern? War da was?

Fipronil ist eine der zahllosen Substanzen, die in den Laboren der chemischen Industrie im Laufe der Jahrzehnte entwickelt wurden, um Schädlingen den Garaus zu machen. Man fand es in Hühnereiern, was vermutlich daran lag, dass ein belgischer Händler das Zeug verbotenerweise einem Mittel zur Bekämpfung von Geflügelparasiten beigemischt hatte.

Heute kauft jeder wieder Eier, denn die Fipronil-Hype ist längst verschwunden. Dabei ist die Geschichte nicht mal vier Monate her. Aber das Zeug tötet eben nicht nur Flöhe und Zecken. Da es auch zur Saatgutbehandlung eingesetzt wird, schadet es auch den Honigbienen. Aber das war dann für die Information von Otto Normalverbraucher wieder zu komplex gewesen.

»Wir leben in einem Zeitalter von Spezialisten, von denen jeder nur sein eigenes Problem sieht und den größeren Rahmen, in den es sich einfügt, entweder nicht erkennt oder nicht wahrhaben will. Es ist aber auch ein Zeitalter, das von einer Industrie beherrscht wird, deren Recht, um jeden Preis Geld zu verdienen, selten angefochten wird. Wenn die Öffentlichkeit protestiert, weil sie auf irgendeinen offenkundigen Beweis für die gefährlichen Folgen der Anwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln stößt, speist man sie mit kleinen Beruhigungspillen ab, mit Halbwahrheiten. Wir haben es dringend nötig, Schluss zu machen mit diesen falschen Versicherungen, die uns bittere Pillen mit Zuckerguss schmackhaft machen wollen. Schließlich verlangt man ja von der Allgemeinheit, dass sie die Risiken auf sich nimmt, die von den Leuten, die Insekten bekämpfen, berechnet werden. Das Volk muss entscheiden, ob es auf dem eingeschlagenen Wege weiterzugehen wünscht, und das kann es nur, wenn es alle Fakten genau kennt (…)« (aus: Rachel Carson, Der stumme Frühling, 1962/1990 S. 26)

Wir scheinen inzwischen immun gegen Katastrophenmeldungen zu sein, die uns nicht unmittelbar selbst betreffen. Wenn die Bienen verschwinden, die Bestände der Singvögel einbrechen, den Insekten dank hochwirksamer Chemie der Garaus gemacht wird, all das passiert ja nicht von heute auf morgen. Wer kriegt das schon mit? Da ist uns die Frage »Was wird jetzt mit meinem Dieselauto?« doch viel näher. Im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel im Juli 2017 beschrieb ein Berliner Kulturverein das Gemeinwesen als eine Gesellschaft, die sich ihrer Hilflosigkeit gegenüber den komplexen Zusammenhängen der Welt ergeben habe, und in der der Einzelne nur noch für das eigene Vorankommen kämpfe. Die Rechnung für unser sogenanntes gutes Leben wird uns, unseren Kindern und Enkelkindern mit den Folgen des Klimawandels ausgestellt. Daran ist auch mit viel Geld nichts mehr zu ändern.

Es ist zu befürchten, dass der viel beschworene Bewusstseinswandel zu spät kommt bzw. gar nicht eintritt. Möglicherweise tritt eher ein Bewusstseinsschwund ein. Wer keine Insekten und Singvögel mehr kennt, wird sie wohl auch kaum vermissen. Vielleicht halten zukünftige Generationen die Bestäubung von Bäumen und Pflanzen durch Drohnen für etwas ganz Normales.

Aber: Wer wie wir in Großhansdorf lebt, steht nicht auf und rettet die Welt. Und dennoch können wir trotz aller düsteren Prognosen etwas tun. Es sind schließlich unsere Schulen und Kindergärten, in denen unseren Kindern und Enkeln Achtung für die Natur und Achtung gegenüber ihren Mitmenschen vermittelt wird. Es sind unsere Gärten, in denen wir entscheiden, ob sich Vögel und andere Tiere darin wohlfühlen können. Es sind wir, die entscheiden, ob wir Gift verspritzen oder nicht. Und wir sind es, die darüber hinaus Rechenschaft von denen verlangen können, die unsere Umwelt für ihren Profit nutzen.

Peter Tischer

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